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Zeichen und Symbole

March 28, 2009

„1. Symbole und der zyklische Charakter menschlichen Erlebens

Wahrscheinlich gab es keine Zeit in der Geschichte der menschlichen Zivilisation, in der das Wort Symbol oder sein Äquivalent in anderen Sprachen so viel gebraucht und mit so vielen verschiedenen Bedeutungen belegt wurde, wie das heute der Fall ist. Einige Philosophen und Psychologen haben neue Begriffe geprägt in dem Ansinnen, diese Bedeutungsvarianten zu präzisieren. Die Begriffe “Symbol” und “Zeichen” wurden unterschieden, und diese Unterscheidung ist nützlich, solange man die beiden Bedeutungsbereiche nicht eng gegeneinander abgrenzt. Ein Zeichen wird etwa als ein willkürlich gestalteter Hinweis verstanden, der angibt, dass bestimmte Umstände oder Gegebenheiten an einen bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit zu erwarten sind. Verkehrszeichen beispielsweise teilen dem Verkehrsteilnehmer mit, dass vor ihm eine gefährliche Kurve oder Straßenkreuzung liegt, oder dass ein bestimmter Weg zu einem bestimmten Ort führt. Ein Zeichen, das genau und zutreffend ist, ist faktisch und sachlich. Es ist eine durch Konvention allgemein verständliche Möglichkeit, Tatsachen vorzustellen.

Tat-sachen jedoch sind seltsame Sachen, und verschiedene Menschen reagieren in verschiedener Weise auf sie, abhängig von ihrem Temperament, ihren Erwartungen oder ihrem Gefühlszustand. Eine “bloße Tatsache” mag sich beträchtlich von einer “erwarteten Tatsache” unterscheiden. Der Rationalist und der Wissenschaftler können wohl denken, sie hätten es mit reinen Fakten zu tun, doch diese Fakten können viele verschiedene Gefühle erregen. Treffen sie zu gewissen Zeiten auf eine große Menschenmenge, so kann ihre Bedeutung aufgeblasen oder entstellt werden und sich in viele, nicht vorhersehbare Richtungen ausbreiten. Einsteins Formel Energie ist gleich masse mal lichtgeschwindigkeitzumquadrat [ E = mc2 ] bezieht sich auf die bloße Tatsächlichkeit im atomaren Bereich, doch seit Hiroshima wurde sie weit mehr als ein Hinweis, eine sachliche Darstellung des objektiven Verhältnisses der Energie zur Masse. Die Formel ist zu einem Symbol des möglichen Schicksals geworden, das das westliche wissenschaftliche Denken und seine Technologie über die Menschheit verhängt hat, einschließlich einer unendlichen Vielfalt direkter oder indirekter Konsequenzen und einer Kombination von Empfindungen wie Stolz, Habgier und Angst.. So verband sich in der Tat mit der objektiv-tatsächlichen Gleichung eine Grundfrage über den letzten Wert und die moralischen Zusammenhänge einer bestimmten Art von Wissen und dessen unkontrollierte und möglicherweise vorzeitige Verbreitung. Einsteins objektive Entdeckung und ihre rein sachliche Aussage wurde zu einem mächtigen Symbol des Zustandes, an dem die Menschheit heute angelangt ist – und dieser ist so kritisch und möglicherweise beängstigend wie auch vielleicht inspirierend und geistig herausfordernd. In meinem Buch “The Planetarization of Consciousness” habe ich geschrieben:

“Eine Tatsache ist, was sie insbesondere und ausschließlich als eine Tatsache ist, sie kann derart beschrieben und aufgezeichnet werden, dass – zumindest theoretisch – ihr genauer Charakter keinen Zweifel mehr zulässt. Wir könnten auch sagen, dass ‘Tatsachen’ zu der Kategorie rationaler Dinge gehören: Diese können präzise definiert werden, insofern als die Definition alles umfasst, was sie nicht sind, d.h. die Definition schließt andere Begriffsmöglichkeiten aus. Andererseits, wenn man es mit einem Symbol zu tun hat, so ist dies ein Ding, das weiter reicht als das reine Rationale und Faktische, etwas also, das mehr ist als es ist, denn das Symbol beschreibt nicht nur, was es verstandesgemäßig und objektiv darzustellen scheint, sondern auch die Beziehung zwischen einem spezifischen menschlichen Bedürfnis und der Möglichkeit, dieses Bedürfnis zu erfüllen.”

Ein Symbol wird eingeführt, wenn der Mensch dessen bedarf. Das mag ein rein persönliches Bedürfnis sein. Die psychologischen oder prophetischen Träume einer bestimmten Person gehören in diese Kategorie; sie überbringen dem Individuum eine Mitteilung über einen bestimmen Umstand, sei dieser physiologischer, psychologischer oder soziologischer Natur. Sie mögen die Antwort auf ein Problem bieten, das vielleicht bis dahin nicht in seiner Tiefe erfasst wurde. In gleicher Weise sollte die symbolische Gestalt oder Szene, die ein Hellseher vor sich oder in sich sieht, wenn ihn ein Klient wegen eines unlösbaren Problems angeht, theoretisch die Antwort auf das Bedürfnis des Klienten sein, wenngleich dieses bis dahin nur unterbewusst oder halb bewusst bestanden hat. Das Symbol bezieht sich auf die Person.

Ähnlich ist für den humanistischen Astrologen das Geburtshoroskop ein personenbezogenes Symbol. Das bedeutet, es birgt eine „Botschaft“, den symbolhaften Ausdruck des Dharma des Individuums. Es weist darauf hin, wie der Mensch am besten die angeborenen Fähigkeiten seines besonderen und einzigartigen Wesens verwirklichen kann. Es ist ein Symbol, ein Mandala oder Logos, ein Wort der Kraft. Die Astrologie ist, so gesehen, eine Symbolsprache. Weil sie eine Sprache ist, schließt sie den Entfaltungsprozess einer Idee der Gefühlserwiderung ein. Ein Geburtshoroskop ist statisch, doch es kann vorausberechnet und in Beziehung zu der ständigen Weiterbewegung der Planeten nach der Geburt („Transite“) gebracht werden. In der gleichen Weise stelle ein echtes Mandala mehr dar als eine statische, geometrische Figur: Es empfiehlt einen Prozess der Entfaltung oder – wie Carl Gustav Jung es genannt haben könnte – der „Individuation“.

Der Tierkreis als Ganzes bildet ein Mandala. Es gibt Zeit-Mandalas wie auch Raum-Mandalas. Der Zyklus von Veränderungen, mit dem sich dieses Buch beschäftigt, ist ein Zeit Mandala. Es besitzt sowohl Rhythmus als auch Form. Die 360 sabischen Symbole sind Worte in einer weiten, kosmischen Dichtung, deren Bedeutung die oft banalen Bilder, die hellsehend wahrgenommen wurden, übersteigt.

Alle Wörter sind Symbole. Sie begegnen dem menschlichen Grundbedürfnis nach Kommunikation. Zuerst scheinen sie häufig auf Onomatopöie z zurückzuführen sein, sind also lautmalende, stimmliche Nachahmungen tatsächlich vernommener Töne und Geräusche, die das Kollektiv der Angehörigen eines Stammes mit einem bestimmten Tier oder Naturphänomen assoziierte. Eine ausgebildete Sprache repräsentiert eine Sammlung von Symbolen; einige ihrer Wörter stellen nicht nur Dinge dar, sondern auch ihre Beziehungen zueinander oder die Qualität und Eigenschaft bestimmter Dinge und Tätigkeiten (in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) und häufig ihre biologische Polarität oder Geschlechtszugehörigkeit. Algebra ist eine Symbolsprache, die dem Bedürfnis entgegenkommt, präzise und doch abstrakte und universelle Aussagen über Beziehungen zu formulieren. Ihre Formeln sind wirklich mehr als bloße Feststellung von Tatsachen, denn sie schließen die Existenz einer universalen Ordnung und den Glauben an beständige Naturgesetze und „Konstanten“ ein.

Alle Kulturen hängen von der Verwendung von Symbolen ab, die von der ganzen Gemeinschaft mehr oder weniger bewusst akzeptiert werden. Kulturelle Institutionen und die Künste und Wissenschaften einer ausgeprägten Kultur bzw. menschlichen Gemeinschaft – sei diese „primitiv“ oder modern – bilden eigentlich komplexe und systematisierte Organisationen von Symbolen, die dem Verhalten, dem grundlegenden Fühlen und Denken der diese Kultur angehörigen Menschen ihre Struktur geben. Wie sich die Kultur weiter entwickelt, Reife und Niedergang erlebt, so tun es auch die Symbole, auf denen sie beruht und von denen die Zusammenhalt gebende Lebenskraft ausgeht.

Symbole vereinen die individuellen Erlebnisse einer sehr großen Zahl von Menschen. Sie holen Gegebenheiten aus dem Bereich des Zufälligen, des Beispiellosen, Niedagewesenen, des Einzigartigen und Unverständlichen in den Bereich des „universellen“. Die logische Reihung von Symbolen, auf die man in allen Sprachen stößt, in allen wissenschaftlichen Theorien, in allen überlieferten Kunstformen und in allen religiösen Ritualen, schafft aus den scheinbar chaotischen, unvorhersehbaren und sinnlosen Tatsachen des Lebens Muster voll Ordnung und Sinn. Tausend Geheimnisse oder individuelle, persönliche Lebenssituationen werden, so gesehen bloße Variationen eines zentralen Themas. Das Symbol bildet uns dieses eine, signifikante Thema ab. Das Thema ist Teil einer zusammenhängenden Sequenz ähnlicher Herausforderungen, die durch ihre gegenseitige Wechselbeziehung Sinn erlange. Durch Symbole ausgedrückt, wird das Leben quasi kondensiert in relativ wenige, untereinander in Wechselbeziehung stehende Erfahrungseinheiten. Jede solche Einheit ist ein Konzentrat der Erfahrungen von Millionen Menschen.

Heutzutage denken wir, die wir unsere Prägung in der westlichen Tradition erhalten haben, gewöhnlich, dass es für jeden eine unbegrenzte Vielzahl verschiedener Erlebnismöglichkeiten gibt. Was wir erleben, gehört ausschließlich uns; jeder Augenblick ist ein neuer und nichts wird sich je wiederholen. Während es wohl richtig ist, dass die menschliche Erlebnisfähigkeit nicht begrenzt ist, bleibt das normale Erleben des Menschen doch endlich und begrenzt, und zwar in Bezug auf die Anzahl charakteristischern und signifikanter Erlebnistypen. Könnte sich ein Mensch beispielsweise – ohne Rücksicht auf physische Hindernisse – auf der Erdoberfläche am Äquator entlang fortbewegen, würde er endlos weitergehen können. Seine Bewegung wäre „unbegrenzt“. Sein Erleben, seine Erlebnismöglichkeit von Zuständen und Gegebenheiten längs seines Weges wäre begrenzt. Nachdem er eine Umkreisung des Erdballs vollendet hätte, begegnete er von neuem den gleichen geographischen Formen. Seine Erfahrungen würden sich also grundsätzlich wiederholen, auch wenn der Mensch bei jeder Begegnung anders auf sie reagierte. In gleicher Weise bilden die menschlichen Grunderlebnisse eine abgeschlossene Reihe. Unter „grundsätzlich“ verstehe ich typisch und charakteristisch, hinter der Oberfläche äußerlicher Variationen.

Auf das gleiche Prinzip der wiederholten Serie von Erfahrungen stoßen wir im Zeitlichen. Die Zeit ist zyklischer Natur. Alles Lebende hat einen Anfang, erreicht einen Höhepunkt und endet – aber nur, um von neuem zu beginnen. Eine universelle Illustration dieses Prinzips ist die Sequenz der Jahreszeiten in gemäßigten Klimazonen.

Dass es einen jährlichen Zyklus von Jahreszeiten gibt, heißt jedoch noch nicht, dass wir Jahr für Jahr mit einer genauen und buchstäblichen Wiederholung aktueller Geschehnisse rechnen können. Was wiederkehrt, sind – für die lebende Pflanze – grundsätzliche Wachstumsimpulse. Jeden Frühling wird der Weizen neu gesät, das Wetter ist etwas anders, und auch weitere Faktoren mögen sich wandeln. Doch überall dem Wandelbaren erhält die Spezies Weizen im Frühjahr die Grundimpulse für Keimen und Wachstum. Die Fakten mögen sich wohl verändern, der Sinn jedoch bleibt, Jahr für Jahr.

Das menschliche Erleben ist – mit anderen Worten gesprochen – zyklischer Natur, und es entfaltet sich in Übereinstimmung mit strukturellen Prinzipien. Wie vielfältig und verschieden die Erfahrungen der Menschen auch erscheinen mögen, so befinden sie sich doch alle innerhalb der Grenzen einer Serie von etwas, das man „archetypische Bedeutungen“ nennen könnte. Eine solche Serie ist wiederkehrenden Charakters insoweit, als es ihre Struktur betrifft; sie bildet eine Gesamtheit von Sinnbedeutungen. Doch ich kann nicht häufig genug betonen, dass die Begriffe „Struktur“ und „Inhalt“ quasi zwei verschienen Bereichen zugehören, selbst wenn diese beiden Bereiche sich in jedem Punkt gegenseitig durchdringen.“



Aus Dane Rudhyar – Astrologischer Tierkreis und Bewusstsein.

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